Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

Dokumentation 22. DBH-Bundestagung

DBH-Materialien Nr.74
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40 Jahre Führungsaufsicht

DBH-Materialien Nr.75
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Veranstaltungen 2017

Fortbildungskalender DBH-Bildungswerk 2017 erschienen

Mordfall Lucie in der Schweiz

Ein Drogenabhängiger - der unter Bewährungsaufsicht stand - hatte die 17-jährige Lucie Trezzini in Rieden bei Baden (Kanton Aargau) ermordet. Nach der Tat standen kritische Fragen im Raum, ob die Bewährungshilfe alles unternommen habe, um den Rückfall des Täters zu verhindern. Der Täter wurde vor 7 Monaten aus dem Maßregelvollzug unter Auflagen entlassen. Ein Gutachter hat seine Gefährlichkeit betont, wenn er Drogen zu sich nehme. Jetzt liegt der Untersuchungsbericht vor. Dieser gelangt zum Schluss, dass das Tötungsdelikt nicht durch Fehlverhalten von Mitarbeitenden der Vollzugsbehörde oder der Bewährungshilfe mit verursacht wurde. Es besteht jedoch Optimierungsbedarf in der Organisation, der Arbeitsweise und dem Personalbestand der Vollzugsbehörde und der Bewährungshilfe.
Der Bericht führt aus: "Die eigentlichen Schwachstellen sind nicht primär auf der Ebene einzelner Vorgänge oder einzelner Mitarbeitender zu suchen, sondern sie betreffen die Rahmenbedingungen, in denen oder mit denen gearbeitet wird.
Es ist insgesamt festzustellen, dass
- keine der mit D.H. befassten Stellen (vom Gutacher bis zur Bewährungshilfe - ausser teilweise das MZ Arxhof) alle risikorelevanten Faktoren erkannt hatte;
- keine der mit ihm befassten Stellen die Rückfallgefahr richtig eingeschätzt bzw. erkannt hatte;
- keine der mit ihm befassten Stellen ihn als gemeingefährlich betrachtet hatte."
Den Veränderungebedarf sieht der Berichterstatter Andreas Werren darin:
"Der Entwicklungsprozess ist in drei miteinander verbundenen Dimensionen anzugehen:
- Profil: Das Themenfeld Justizvollzug ist nur interdisziplinär wirksam zu bearbeiten. Dies bedingt eine Gleichwertigkeit der beteiligten Disziplinen bzw. der beteiligten Organisationseinheiten. Ebenfalls bedingt das Themenfeld Justizvollzug für zentrale Fragen eine mit den verschiedenen Disziplinen oder Organisationseinheiten abgestimmte Gesamtsicht, z.B. zum Thema Risikomanagement. Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen heraus haben in den letzten Jahren verschiedene Kantone entsprechende Amtsstellen geschaffen, welche alle Disziplinen und Institutionen des Justizvollzugs unter einheitlicher Führung zusammenfassen, dazu gehört regelmässig auch die Bewährungshilfe (vgl. z.B. BE, ZH, SG, GR, LU). Die Entwicklung einer entsprechenden, auf die kantonalen Verhältnisse abgestimmten Struktur wird empfohlen. Dies bedingt letztlich auch die Anpassung normativer Grundlagen (insbesondere der Verordnung über den Straf- und Massnahmenvollzug.
- Prozesse: Hier ist ein Fokus insbesondere auf die Fallübergänge und Auftragsklärungen zu richten. Dazu gehört auch eine Klärung der Informationsweitergabe. Im Rahmen dieser Prozesse sind auch inhaltliche und prozessuale Standards u.a. für die Einholung von Gutachten und für die Erteilung von Therapieaufträgen zu formulieren inklusive den Anforderungen für die Berichterstattung. Zur Prozessoptimierung gehören auch Arbeitsinstrumente: Akteneinsicht, Aktenwesen und –führung, einheitliche Geschäftskontrolle usw..
- Personen: Vorliegend wird es unabdingbar sein, dass einzelne Mitarbeitende im Thema Risikomanagement speziell qualifiziert werden und ihre laufende Weiterentwicklung sichergestellt wird. Die Konzentration solcher Spezialisten in einer Struktur ist sinnvoll, ev. auch in einer Kooperation mit anderen Kantonen. Dazu aber auch zur Sicherung und Wahrnehmung der definierten oder noch zu definierenden Prozesse und Standards genügen die vorhandenen personellen Ressourcen weder bei der Vollzugsbehörde noch bei der Bewährungshilfe."
Untersuchungsbericht zum Mordfall Lucie, 04.09.09
Information des Kanton Aargau, 04.09.09

Die Eltern von Lucie Trezzini äußern sich jetzt nach einem Jahr gegenüber der Presse und begründen Ihre Strafanzeige gegen die Behörden. Sie sind der Ansicht, dass der Untersuchungsbericht nicht konsequent war und die Verantwortlichen schont. Sie wollen Veränderungen im Straf- und Bewährungssystem erreichen, um zukünftige Fehlverhalten zu verhindern. Berner Zeitung, 01.03.10

Presseberichte zum Tathergang und den Hintergründen:
Engmaschige Begleitung des Täters - Aargauer Regierungsrat stützt Behörden und Bewährungshilfe NZZ-Online 13.03.09
Klinik schickt den Täter heim Der Bund 13.03.09
Interview mit dem Leiter der Bewährungshilfe: "Wir sind alle verunsichert" Tagesanzeiger 14.03.09
Justizfachleute bemängeln veraltete Strukturen und Vorgehen im Fall NZZ-Online, 15.03.09
"Tat hätte sich vermeiden lassen" Fernsehdiskussion, 18.03.09
Die Praxis der Aargauer Strafvollzugsbehörde und der Bewährungshilfe soll durch Züricher Experten untersucht werden azonline, 27.02.09

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