Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

Dokumentation 22. DBH-Bundestagung

DBH-Materialien Nr.74
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DBH-Materialien Nr.75
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Fortbildungskalender DBH-Bildungswerk 2017 erschienen

Nils Christie verstorben

Im Alter von 87 Jahre ist Nils Christie verstorben. Als er in den Morgenstunden in Oslo wie immer auf seinem Fahrrad unterwegs war, führte ein Unfall mit einer Straßenbahn zu so schweren Kopfverletzungen, dass er am 27.05.2015 diesen erlag.
„Mit ihm verliert die Kriminologie einen nicht nur wie viele andere eigenständig denkenden, sondern einen wie wenige andere ganz bewusst eigensinnig fach-öffentlich und bei Bedarf allgemein-öffentlich ganz pointiert Zustände wie Entwicklungen im Umgang von Staaten und Gesellschaften mit Straffälligen kritisierenden Wissenschaftler.
Porträts zu Leben und Werk: Wikipedia Uni Hamburg, Kriminologie
Er war einer der ersten Forscher in Europa, die sich u.a. mit dem Thema und der Methodik der Untersuchung von Self-reported delinquency befassten.
International grundlagentheoretisch wie kriminalpolitisch einflussreich wurde er freilich mit anderen Themen, wofür sein Zeitschriftenaufsatz über "Conflicts as Property" aus dem Jahr 1977 exemplarisch erwähnt sei
Conflicts as Property
Die Europäische Kriminologische Gesellschaft ESC hatte ihm 2010 bei ihrem Kongress in Liège den "European Criminology Award" für seine Lebensleistung verliehen; unter anderen bei der Verleihungszeremonie Anwesenden durfte auch ich erleben, dass er den Preis dankbar annahm, aber in der Dankesrede (siehe Foto) dann seiner Tradition treu blieb und, in der Form freundlich wie stets und den Menschen zugewandt, der Kriminologie konstruktiv Provokatives sozusagen ins Stammbuch schrieb.
In Deutschland gehörten zu seinen größeren Auditorien in jüngerer Zeit, nach meiner Kenntnis,
- die Teilnehmer der Fachtagung des DBH-Fachverbandes für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik in Berlin 2009 Wieviel Kriminalität braucht die Gesellschaft? Nils Christie im Gespräch (mit Hyperlink zu einem ausführlichen Interview im Rheinischen Merkur).
- die Teilnehmer des 18. Deutschen Präventionstages in Bielefeld 2013, wo er einen bewegenden Vortrag zur Bewältigung der Folgen des von Anders Behring Breivik verübten Massakers hielt, mit dem Titel "Restoring Societies: Norway after the Atrocities". Deutscher Präventionstag Vortrag“ (aus einer Mittteilung des KrimG-Nachrichtendienst vom 28.05.2015, Autor: Prof. Dr. Hans-Jürgen Kerner)
Der Kriminologe Prof. Dr. Sebastian Scheerer hat die folgenden Nachruf verfasst:
„Sanft, aber bestimmt: Nils Christie (24.02.1928 – 27.05.2015)
Für diese Nachricht einen Anfang zu finden fällt mir schwer und was den Schluss angeht, sehe ich dieselbe Schwierigkeit voraus, aber es gibt einen Begriff, der mir sofort einfiel und der mir so beharrlich im Wege des Schreibens steht, dass er wohl den Anfang machen muss, soll überhaupt noch etwas folgen: Nils Christie umgab eine Aura.
Ein schwer zu fassendes und jedenfalls immaterielles Feld an Schwingungen und Einflüssen, das mich wie so viele, die das Glück hatten, ihm zu begegnen, wie mit einer Magnetkraft anzog, aber auch zugleich zu verwandeln und zu verbessern schien. Tage mit Nils Christie, in Berlin oder vor vier Wochen noch in Padua, waren eine eigene Art der Wellness-Kur.
Das Wort Aura passt allerdings auch insofern, als es ursprünglich die griechische Göttin der Morgenbrise bezeichnete, und genau diese Funktion kam auch dem Vortrag in Sheffield zu, der Nils Christie berühmt machen sollte: “Conflicts as Property” (British Journal of Criminology 1977 17 (1) 1-15) brachte frischen Wind in die Kriminologie und die Rechtssoziologie und verlieh der Diskussion um Alternativen zur strafenden Gerechtigkeit neuen Schwung. Die gesamte Strömung der restorative justice – die er als Vordenker mit begründete und stets auch mit kritischem Blick auf den Begriff sowie vor allem auf die Gefahren der Institutionalisierung und Professionalisierung begleitete – wäre ohne ihn nie und nimmer das, was sie heute (immerhin schon oder noch) ist.
In jüngster Zeit sprach Nils Christie wieder öfter über sein Erstlingswerk aus dem Jahre 1952: seine Gespräche mit KZ-Wächtern und die Reflexion über die zahllosen damit verbundenen Fragen hatten vieles von dem, was sein Lehrer Andenaes ihm über die Rechtfertigung von Strafe beigebracht hatte, ins Wanken geraten lassen. Viele Kenner seines Werkes sehen denn auch einen roten Faden der Strafproblematisierung, der sich durch sein gesamtes Oeuvre zieht. Mal unter dem Gesichtspunkt von “Grenzen des Leids” (1982), dann unter dem einer scharfen Kritik des prison-industrial complex (“Kriminalitätskontrolle als Industrie”, 1995); und selbst die five dangers ahead für restorative justice (2009) und sein letzter Aufsatz über die Figur der Justitia (“Lady Justice”, 2015) warnten vor den Kräften der Entfremdung, die das Verstehen und Heilen so schwer und das Strafen so leicht werden lassen.
Scherzhaft hatte er in den vergangen Jahren den Gedanken an die Gründung einer Rückschrittspartei ins Spiel gebracht; das passte zu der Kritik, der er sich seitens Trutz von Trothas und anderer ausgesetzt gesehen hatte, dass seine Vorstellungen von alternativer Konfliktregelung mit den Erfordernissen einer modernen Gesellschaft unvereinbar seien – und dass sie selbst dann, wenn sie machbar wären, nicht zu wünschen seien. Er hielt tatsächlich viel vom Dorf- und Gemeinschaftsleben, beklagte die Aushöhlung der Infrastruktur und den Verlust sozialen Lebens auf dem Lande und verbrachte ja auch immer wieder längere Zeit in Vidarasen, einer therapeutischen Gemeinschaft auf der Grundlage einer sanften und menschenfreundlichen Weltanschauung.
Der nötigende Zwang politischer Korrektheit konnte ihn nicht unterkriegen: sanft, aber bestimmt wies er jede Einmischung der Polizei zurück, als er als Institutsdirektor einmal mit einem größeren Betrugsfall zu tun hatte – das machte Schlagzeilen und frustrierte die Strafverfolgungsbehörden; sanft, aber bestimmt vertrat er seine nicht immer hinreichend “linken” Ideen auch noch vor kurzer Zeit bei der Osloer Jubiläumstagung der European Group for the Study of Deviance and Social Control.
Als der 87-jährige Nils am Dienstag dieser Woche in den Morgenstunden in Oslo wie immer auf seinem Fahrrad unterwegs war, führte ein Unfall mit einer Straßenbahn zu schweren Kopfverletzungen, denen er tags darauf erlag.“ (siehe Criminologia)

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