Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

Dokumentation 22. DBH-Bundestagung

DBH-Materialien Nr.74
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40 Jahre Führungsaufsicht

DBH-Materialien Nr.75
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Veranstaltungen 2017

Fortbildungskalender DBH-Bildungswerk 2017 erschienen

Nachruf Leo Larisch

Leo Larisch ist tot. Am 24.6. ist er 87jährig verstorben.

Von 1954 bis 1991 war er Bewährungshelfer in Düsseldorf.
Er war einer der Pioniere beim Aufbau der Bewährungshilfe und er war der erste Bewährungshelfer in Düsseldorf.

Vom Bergmann zum Bewährungshelfer könnte eine allzu griffige Beschreibung des Werdegangs lauten. Aber der war um einiges komplexer: Die Arbeit als Bergmann im Vorsatzbau, eine der gefährlichsten Arbeiten unter Tage, diente der Finanzierung der Ausbildung zum Jugendwohlfahrtspfleger in Freiburg. Dort hörte er 1950 einen Vortrag über die Bewährungshilfe, die damals aber nur als Fiktion existierte. Sinn des Vortrages war es, die Seminarteilnehmer für die Aufgabe zu begeis-tern und als Bewerber für die Stellen zu gewinnen, die es zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht gab.

Leo Larisch war beeindruckt von dieser Idee einer nachhaltigen Betreuung und bewarb sich nach Abschluss seiner Ausbildung. Man stellte ihn dann 1954 als Bewährungshelfer ein. Mit dem Hinweis, dass seine Situation ähnlich der eines Missionars sein und er nichts vorfinden würde, wurde er nach Düsseldorf geschickt, um dort die Bewährungshilfe aufzubauen.

Der zweite Hinweis, dass er dort mit Schwierigkeiten rechnen müsse und von den Richtern mit Bewährungsaufsichten überhäuft werden würde, erwies sich in ihrem letzten Teil aber als Trugschluss. Larisch stieß auf eine breite Front der Ablehnung, denn die freien Verbände in Düsseldorf hatten beschlossen, mit dem Bewährungshelfer nicht zusammen zu arbeiten. Er werde nicht gebraucht. Man führe die Jugendgerichtshilfe durch und werde die anfallenden Bewährungsaufsichten auch übernehmen. Doch Leo Larisch liess sich nicht entmutigen und versuchte in Einzelgesprächen, die Basis für ein kooperatives Zusammenwirken zu schaffen. So auch im Gespräch mit dem Leiter einer Einrichtung, der ihn in eisiger Dezemberkälte zwei Stunden draussen warten liess, um ihm dann durch einen Praktikanten ausrichten zu lassen, dass er kein Gespräch mit ihm wünsche.

Der damalige Präsident des Landgerichts stiess sich daran, dass er von keiner Seite über Existenz und Aufgabe des Bewährungshelfers informiert worden war. Im Übrigen habe er von ihm keinerlei Unterstützung zu erwarten, er halte er die Bewährungshilfe für die Knochenaufweichung der Strafjustiz. Positiver war dann das Vorstellungsgespräch beim Präsidenten des Amtsgerichts, der vor dem Krieg in England studiert hatte, und dort die englische Bewährungshilfe kennengelernt hatte, von der sich nachhaltig beeindruckt zeigte.

Weniger positiv dann die Einlassungen der Jugendrichter. Dem Jugendwohlfahrtsausschuss, in dem die freien Verbände ihre Haltung zur Bewährungshilfe festgelegt hatten, gehörte auch ein Jugendrichter an. Der hatte seine Kollegen entsprechend informiert und die teilten die ablehnende Haltung und übertrugen dem Bewährungshelfer keine Bewährungsaufsichten. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dass Leo Larisch laufend an Jugendgerichtssitzungen teilnahm, bei denen ständig Bewährungsaufsichten anfielen. Er bekamen sie jedoch nicht zugesprochen. Die Mitarbeiter der freien Verbände, die die Jugendgerichtshilfe durchgeführt hatten, übernahmen dann auch die Bewährungsaufsicht.
Nach einem Jahr war Larisch immer noch kein einziger Proband zugeteilt worden und man erwog, ihn in Düsseldorf abzuziehen und woanders einzusetzen, wo Bewährungshelfer tatsächlich von Jugendrichtern mit Bewährungsaufsichten überhäuft wurden. Larisch hat sich vehement dagegen ausgesprochen, denn er war davon überzeugt, dass sich die Lage der Bewährungshilfe vor Ort in absehbarer Zeit normalisieren würde. Tatsächlich übertrug ihm im Frühsommer 1955 ein Jugendrichter die erste Bewährungsaufsicht.
Der Jugendwohlfahrtsauschuss reagierte darauf mit einer Sitzung, in der dieser Jugendrichter wegen seiner Entscheidung gerügt wurde. Das hatte eine kontraproduktive Wirkung, denn dieser Jugendrichter und seine Kollegen sahen nun ihre richterliche Unabhängigkeit tangiert und hatten in der Folge keine Bedenken mehr, dem Bewährungshelfer weitere Bewährungsaufsichten zu übertragen.

Die Bewährungshilfe prosperierte und wurde der Justiz als Anstellungsträger zugeordnet. Immer mehr Bewährungshelfer wurden eingestellt und schlossen sich auch in einer Landesarbeitsgemeinschaft zusammen, deren Sprecher in NRW Leo Larisch wurde. Es wuchs angesichts hoher Arbeitsbelastung und drohender Überforde-rung das Bedürfnis nach Fortbildung, das von Politikerseite damit abgetan wurde, dass man doch ausgebildete Leute eingestellt habe.

Leo Larisch gelang es, als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Bewäh-rungshelfer in NRW (LAG), Zugang zum damaligen Justizminister Dr. Dr. Neuberger zu finden, den er ob seines Engagements für die Straffälligenhilfe sehr bewunderte. Offensichtlich hatte er sich selbst wegen seines Einsatzes für die Sache der Bewährungshilfe beim Minister aber auch eine große Wertschätzung erworben.

Das bewährte sich in der Phase, als in den 70er Jahren die Verbeamtung der Bewährungshelfer anstand. Ohne Kenntnis des Ministers hatte das Justizministerium kurzfristig angeordnet, dass Bewährungshelfer zunächst die zweite Verwaltungsprüfung ablegen mussten, wenn sie verbeamtet werden wollten. Einige Bewährungshelfer waren bereits zu einem 14-tägigem Verwaltungskurs eingeladen worden, an dessen Ende sie die Prüfung ablegen sollten. Ein Kursteilnehmer informierte darüber Leo Larisch als Sprecher der LAG. Er fuhr umgehend zum Landtag, wo der dann er den Minister antraf, der aber in Zeitnot war. Gleichwohl entschied er, am Nachmittag unter Beteiligung des Staatssekretärs und mit hohen Beamten des JM ein Gespräch anzuberaumen, an dem auch Larisch teilnehmen sollte. Das Gespräch fand statt und die Prüfungsanordnung wurde aufgehoben. Ohne den Einsatz von Leo Larisch würden vermutlich heute noch Bewährungshelfer in NRW – und möglicherweise auch bundesweit - die zweite Verwaltungsprüfung ablegen müssen.

Später sprach der Vorsitzenden des Justizausschusses des Landtages NRW Leo Larisch darauf an, sich in ihm geirrt zu haben. Bislang habe er angenommen, dass hinter ihm eine Organisation wie die ÖTV oder die IG Metall stehen würde. Jetzt wisse er, dass er lediglich 220 Kollegen in NRW vertreten würde. Diese Erkenntnis hat ihn in der Folge aber daran gehindert, für die Belange der Bewährungshilfe weiterhin ein offenes Ohr zu haben. Nicht zuletzt auch wegen des beharrlichen Engagements von Leo Larisch wurden die Bewährungshelfer bei Anhörungen im Landtag, wenn sie den Strafvollzug oder die Bewährungshilfe betrafen, gehört.

In unseren Zeiten ertragen nur Wenige den Gegenwind, den Leo Larisch erfahren hat, und hören auch dann nicht auf, sich für eine Sache einzusetzen.
Leo Larisch hat sich mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit, besonnen, beharrlich und humorvoll für die Sache der Bewährungshilfe verdient gemacht.

Wir werden seiner gedenken.

(Paul Rainers)

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