Tagungsbericht zur 24. CDPPS: "Offender Management: Tradition and Technology"

Vom 21. bis 22. Mai 2019 fand in Zypern die 24. Council of Europe Conference of Directors of Prison and Probation Services (CDPPS) unter dem Titel „Offender Management: Tradition and Technology“ statt. Eingeladen hatte das Justizministerium Zypern. An der Konferenz nahmen ca. 115 Vertreterinnen und Vertreter aus 35 europäischen Ländern sowie  Nichtregierungsorganisationen teil.


Auf der Konferenz diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber, wie neue Technologien und Prozesse der Digitalisierung den Umgang mit Straftätern im 21. Jahrhundert beeinflussen, welche Veränderungen damit einhergehen und welche Rolle der menschliche Faktor (human factor) bei diesem Prozess im Umgang mit inhaftierten Personen spielt. Die 24. CDPPS wurde von Ionas Nicolaou, Minister of Justice and Public Order sowie Jan Kleijssen, Director of Information Society and Action against Crime Directorate, Council of Europe eröffnet. Jan Kleijssen stellte die Herausforderung von Organisationen, sich dem technischen Wandel anzupassen, in den Mittelpunkt seiner Eröffnungsrede. Schon George Westerman, ein leitender Wissenschaftler am MIT, formulierte es wie folgt: „Technologien ändern sich schnell, Unternehmen verändern sich jedoch viel langsamer“. Der Vollzug und die Bewährungshilfe müssen sich der Frage stellen, wie man von der digitalen Transformation profitieren kann, ohne die bisherige Werte und Arbeitspraktiken aufgeben zu müssen.
Im Anschluss referierte Dr. Victoria Knight von der De Montfort University (UK) zum Thema „Between Tradition and Modernity: Digital Maturity of Judicial Organisations“. Zunächst gab Frau Dr. Knight einen Überblick über die technologische Entwicklung in England und deren „Einzug“ in die Vollzugsanstalten. Wie in den 50er Jahren mit der Zulassung von Radio und Fernsehen (12 Jahre brauchte dieser Prozess!) in den Vollzugsanstalten, sei der heutige Prozess der Technologisierung von ähnlichen Aspekten geprägt: Ängste vor Veränderungen, Kritik aus der Öffentlichkeit, Kosten, architektonische Gegebenheiten, Umsetzung der mit der Inhaftierung verbundenen Ziele sowie politische und öffentliche Meinungsbilder. Frau Dr. Knight stelle daraufhin Überlegungen an, wie die digitale Transformation im Vollzug gelingen könnte, indem sie Parallelen zur Einführung von digitalen Verwaltungsstrukturen (e-Government) herstellte. Man müsse jedoch bedenken, dass Technologien bzw. technologische Transformationen nicht mit Innovation gleichzusetzen sind. Wichtig sei, sich für Prozesse der digitalen Transformation auf eine „digitale Kultur“ einzulassen. Man müsse für die jeweilige Gesellschaft, Gemeinschaft und auch für die eigene Einrichtung ein passendes Modell bzw. digitale Strategie entwickeln.

Thema des Vortrags von Anies Devos, Direktorin der Bewährungshilfe in der Federation Wallonie-Bruxelles, waren Berufsethik und Herausforderungen in Bezug auf neue Technologien. Frau Devos stellte zunächst verschiedene Definition von künstlicher Intelligenz und deren Anwendungsgebiete vor. Mit Ihrer Perspektive als Praktikerin berichtete Sie von den komplexen Herausforderungen im Justizbereich, politische Vorgaben und gesellschaftliche Veränderungen umzusetzen und abzubilden, insbesondere wenn die Veränderungen nicht durch eigene Entscheidungen erfolgen müssen. Der Vortrag drehte sich im Kern um die Frage, was das eigentliche Ziel der „zukünftigen“ Datenerhebung und -anwendung (im Justizbereich) sei. Anders gefragt: welchen konkreten Daten benötigen wir für was? In vielen gesellschaftlichen Bereichen werden vermehrt Algorithmen eingesetzt, die für technische Laien nur schwer zu durchschauen sind (black boxes). Wie man anhand der Abstürze der Boeing 737 MAX sehen konnte, können Algorithmen auch „lebensbedrohlich“ sein. Daten(pakete) sollten nicht nur als mathematische Ausdruck betrachtet werden, denn hinter den Daten stehen Menschen, Beschreibungen, Handlungen und Entscheidungen. Nach Frau Devos muss immer die ethische Dimension bei Prozessen der Technologisierung und Digitalisierung mit betrachtet werden. Im dritten Vortrag stellte Marjorie Bonn, CDPC-Mitglied, Senior Legal Adviser, Ministry of Justice and Security (Niederlande), die Kernergebnisse und Schlussfolgerungen der Konferenz „Prison Overcrowding“ vor. Alle an der Konferenz teilgenommenen europäischen Vertreter*innen bekannten sich dazu, das Problem der Überbelegung von Vollzugsanstalten mit dem Ziel einer deutlichen Reduzierung der Inhaftierungszahlen anzugehen. In zwei Drittel der beteiligten europäischen Länder wurde die Kriminalitätsrate als zu hoch eingeschätzt, ein Zusammenhang zwischen der Kriminalitätsrate und der Inhaftierungsrate teilt die Mehrheit der Teilnehmer*innen nicht. Mehrheitlich sprachen sich die Vertreter*innen dafür aus, alternative Sanktionen und Maßnahmen auszubauen, um kurze Haftstrafen zu vermeiden. Ebenso soll stärker von vorzeitiger und bedingter Entlassung Gebrauch gemacht werden.

Am Nachmittag und Folgetag fanden mehrere parallele Workshops zu folgenden Themen statt:

  • Prevention of Suicides and Violence in Prison
  • Management of the Execution of Sentences:
    Vorgestellt wurden Modelle und Beispiele aus Griechenland, Schweden und Nordirland, wie der Wandel von Organisationen der Bewährungshilfe und des Strafvollzuges erfolgen kann. In Anbetracht der Historie und des jeweiligen strukturellen Kontextes wurden sehr unterschiedliche Prozesse beschrieben, jedoch teilten alle Referenten die Überzeugung, dass für den Wandel einer Organisation eine Vision existieren und von allen geteilt sowie verfolgt werden muss – gemäß nach dem Prinzip „communicate – collaborate – commit“. Auslöser der Organisationsentwicklung der Bewährungshilfe in Schweden war die in den 80er Jahren aufkommende Frage „what works“. Weiterhin sollte man den Ehrgeiz und Mut haben, eine Organisationsentwicklung auszuprobieren und voranzutreiben (try it!). Herausforderungen bestanden in den o.a. Ländern nicht nur in der digitalen Transformation, sondern auch in der Zunahme der Komplexität von Fällen (Inhaftierte/Probanden), die vermehrt multikomplexe Probleme mitbringen (gesundheitliche Probleme, fehlende soziale Netzwerke und Unterstützung etc.). Alle drei Referentinnen beschrieben den Organisationswandel als positiv, da für die Organisation sowie für die Mitarbeiter*innen nun Klarheit über die Rollendefinition, die Ziele, Aufgaben und Methoden bestehen.
  • Confidentiality and Data Protection
  • Data Mining and Human Factor in the Execution of Community Sanctions and Measures:
    Prozesse der Technologisierung und Digitalisierung sollten in der Bewährungshilfe unter den Dimensionen „Technologie – Wissen – Ethik“ unter Berücksichtigung des human factors erfolgen. Bei der Einführung von Technologien sollte stets gefragt werden, (1) welches Ziel soll mit der Einführung der Technologie verfolgt werden, (2) welche Vorteile ggü. bisherigen Methoden sind zu erwarten, (3) wie kann ich alle betroffenen Personen in meiner Organisation in den Prozess einbeziehen?. Diskutiert wurde u.a. die Frage, ob Entscheidungen durch Menschen gegenüber Entscheidungen durch Algorithmen tatsächlich objektiver sind. Erfolgt die Entscheidungsfindung durch Menschen nicht ähnlich wie bei Algorithmen, indem wir Informationen sammeln/uns Wissen aneignen und auf Grundlage dieser Informationen Entscheidungen treffen bzw. aufgrund bestimmter Merkmale eine Entscheidung treffen? Wie unabhängig und objektiv sind tatsächlich unsere Entscheidungen? Wie offen sind wir tatsächlich für „neue Dinge“, bevorzugen wir nicht eher gewohnte Dinge und Situationen?
  • Tradition and Technology in Ensuring Safety, Security and Good Order in Prison
  • Work with Specific Groups of Offenders

Das Programm sowie die Präsentationen aller Referentinnen und Referenten sind hier abrufbar:
https://www.coe.int/en/web/prison/agia-napa-cyprus

 

 

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

Mitglied in der:

Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffäligenhilfe e.V.Confederation of European Probation 

 

    Kooperationspartner:

    KriPoZ Kriminalpolitische Zeitschrift

 

 

Scroll to Top