Fachverband für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik

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DBH-Materialien Nr.74
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Rechtsextremismus und islamistischer Extremismus im Jugendalter: Schlussfolgerung für die pädagogische Arbeit (bpb)

Der Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung von Michaela Glaser, veröffentlicht am 20.12.2016, thematisiert den Einfluss sozialpädagogischer Arbeit bei der Entgegenwirkung von „islamistisch-extremistischen Strömungen in Deutschland.“ Hierbei gilt es nicht nur präventiv bei jungen Menschen vorbeugend dagegen anzugehen, sondern auch „bereits in diese Szene involvierte junge Menschen bei einer Distanzierung zu unterstützen.“

Ein besonderes Problem stellt dabei die verhältnismäßig junge Fachtradition dar. Erst seit einigen Jahren hat man die pädagogische Arbeit mit dem Schwerpunkt islamistischer Extremismus gefördert. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat im Zeitraum von 2010-2014 mit ihrem Programm „Initiative Demokratie stärken“ ein sogenanntes Projektcluster „Islamistischer Extremismus“ und erstmalig Modellprojekte mit universalpräventiver Schwerpunktsetzung erstellt. Eine pädagogische Fachpraxis hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in Deutschland ist jedoch seit etwa 25 Jahren vorhanden. „Insofern erscheint es lohnenswert zu prüfen, ob und inwiefern die pädagogische Arbeit zu Rechtsextremismus eine Lernressource für die Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus sein kann.“ (Vgl. BpB Michaela Glaser)

Der vorliegende Forschungsstand ist jedoch aufgrund abweichender Forschungsansätze nur begrenzt vergleichbar. Bei den Ansätzen fällt auf, dass Motive, sich einer extremistischen Strömung anzuschließen, nicht zwingend bezüglich einer bestimmten Ideologie an erster Stelle stehen. Es bestehen zwar häufig „fremdenfeindliche Orientierungen, viele von ihnen verfügen jedoch über eher diffuse Weltbilder und haben nur wenig Wissen zu und Interesse an den konkreten politischen Positionen des organisierten Rechtsextremismus.“ (M. Glaser, BpB 2016).

Studien hinsichtlich des Rechtsextremismus zeigen Desintegrationserfahrungen wie beispielsweise „Problemverdichtungen in Form niedriger formaler Bildungsniveaus, eine erhöhte Zahl an Schulabbrüchen, Schwierigkeiten bei Ausbildungs- und Berufsfindung […] und damit verbundener, subjektiv so auch interpretierter Scheiterns- und Misserfolgserfahrungen.“ (Vgl. M. Glaser zit. nach Marneros/Steil/Galvao 2003). Die aktuelle Generation „dschihadistischer AktivistInnen“ zeigt keine Auffälligkeiten bezüglich deren Bildungshintergrunds. Einige Studien sprechen sogar von einem überdurchschnittlichen Bildungsniveau (M. Glaser zit. nach Heerlein 2014). Beide sogenannten Phänomenbereiche zeigen, dass biografische Krisen wie zum Beispiel der Tod eines Elternteils oder ein Gefängnisaufenthalt „eine Relevanz für Hinwendungsprozesse“ darstellen.

Der Einstieg in rechtsextreme Gruppierungen erfolgt laut der Meinung von ExpertInnen typischerweise im Alter von 13 bis 15 Jahren. Beim islamistischen Extremismus geschieht dies mit dem Alter von ca. 15 bis 19 Jahren etwas später. In dieser Phase des Lebens, der Jugendphase, ist die Suche nach einer Sinnstiftung und Orientierung im Leben (Vgl. Hurrelmann/Quenzel, 2012) besonders stark vorhanden bzw. ausgeprägt. „Rechtsextreme Ideologien bieten auch insofern vergleichbare Antworten auf diese Sinnsuche, als die dem Einzelnen eindeutige Erklärungen, klare Gut-Böse-Unterscheidungen und ein vermeintlich höheres Ziel seiner Existenz und seines Handelns bieten“ (M. Glaser, 2016).

Für die pädagogische Arbeit ergeben sich folgende Schlussfolgerungen: Franz Joseph Krafeld (1992) hat einige Grundprinzipien und Perspektiven für die Distanzierungsarbeit im „Handlungsfeld Rechtsextremismus“ aufgestellt: Trennung von Einstellung und Person, Verstehensperspektive, Vertrauensbeziehung als Basis, Mehrebenenansatz, fallbezogene Differenzierung, Einbeziehung Dritter und das Arbeiten mit den sozialen Kontexten. Diese Prinzipien werden von Michaela Glaser aufgegriffen: Besonders wichtig in diesem Kontext ist es einen Zusammenhang zwischen den Ansätzen der Handlungsfelder des Rechtsextremismus und des islamischen Extremismus herzustellen. „Die hier vorgestellten bewährten Grundsätze und Vorgehensweisen der Arbeit mit rechtsaffinen und rechtsextremen Jugendlichen setzen an den diskutierten Erfahrungshintergründen und Motivlagen an, die phänomenübergreifend als relevante Dimensionen jugendlicher Hinwendungsprozesse erkennbar werden. Sie bieten sich deshalb für eine Übertragung in die Arbeit mit islamistischen bzw. entsprechend gefährdeten Jugendlichen an.“ (M. Glaser, 2016) Bei der pädagogischen Arbeit mit Islamistischen Extremisten müssen bereits bestehende Handlungsfelder den Umständen entsprechend angepasst werden, aber auch „neue Wege bestritten werden“. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Einbindung religiöser Akteure wie Moscheegemeinden oder Imamen, die territoriale Distanzierung zu IS-Kampfgebieten und der Umgang mit sogenannten RückkehrerInnen aus den Kampfgebieten der IS-Milizen.

Die Ergebnisse der Forschung zu Rechtsextremismus und Islamismus deuten darauf hin, dass sich „jugendliche Hinwendungsprozesse auch als subjektiv plausible und funktionale Versuche der Bewältigung schwieriger Lebenslagen sowie von altersspezifischen Herausforderungen begreifen lassen – und dass dies übergreifend für beide Phänomenbereiche gilt.“ Jedoch wird auch klar, dass die Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus im Jugendalter unter anderem neue spezifische Anforderungen an Fachkräfte stellt und dieser Themenbereich noch an langjähriger Forschung mangelt.

http://www.bpb.de/politik/extremismus/radikalisierungspraevention/239365/rechtsextremismus-und-islamistischer-extremismus-im-jugendalter?p=1

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