Eindrücke einer Fachveranstaltung zum Peer Konzept

Vier geballte Fäuste stoßen in der Mitte aneinander
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Wenn wir das Wort Peer hören, denken wir vielleicht an Kollegen oder Kolleginnen aus unserem Arbeitsalltag. Aber was hat es mit der Job-Bezeichnung Peer auf sich, was hat das überhaupt zu bedeuten?

Peer-Supporter*innen bei der Hoppenbank verstehen sich als Expert*innen, die ihre eigene Lebenserfahrung – wie Obdachlosigkeit, Sucht oder Migration – professionell in die Arbeit mit marginalisierten Gruppen einbringen. Ihr Erfahrungswissen ergänzt das Fachwissen von Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen oder Pflegefachkräften und schafft damit eine einzigartige Qualität der Unterstützung. Peer-Arbeit ist keine hierarchische oder substituierende Rolle, sondern eine eigenständige Perspektive, die Empowerment, Selbstbestimmung und Recovery fördert. Sie baut Brücken zwischen Lebenswelt und Hilfesystem, schafft Vertrauen und ermöglicht niedrigschwellige Zugänge – besonders dort, wo traditionelle Systeme auf Skepsis stoßen.

Entscheidend ist die Haltung: Peers arbeiten auf Augenhöhe, ohne Menschen auf Zuschreibungen wie „krank“ oder „straffällig“ zu reduzieren. Ihre Expertise liegt in der glaubwürdigen Vermittlung von Hoffnung und Veränderungsmöglichkeiten, etwa in der Straffälligenhilfe (Desistance-Forschung) oder Suchthilfe. Eine reflektierte Biografie, Abgrenzungsfähigkeit und professionelle Kommunikation sind dabei zentral – eine Krisenerfahrung allein qualifiziert noch nicht.

Für wirksame Peer-Arbeit braucht es jedoch mehr als engagierte Einzelpersonen: Sie muss in multiprofessionellen Teams gleichberechtigt eingebunden werden, mit klaren Rollen, Supervision, angemessener Vergütung und Gestaltungsmacht. Die Hoppenbank setzt auf partizipative Strukturen wie regelmäßige Peer-AGs, transparente Auswahlverfahren (inkl. Hospitation) und niedrigschwellige Angebote wie PEERconnect.

Ziel ist eine Sozialarbeit, die Erfahrungswissen und Fachwissen selbstverständlich vereint – ohne Peer-Arbeit als „Sondermodell“ abzuwerten. Dafür plädiert das Konzept für politische Anerkennung, verlässliche Finanzierung und eine Kultur, die Menschen mit Krisenerfahrungen nicht nur als Klient*innen, sondern als Gestalter*innen ihrer eigenen Unterstützung sieht. Die kontinuierliche Evaluation aus Nutzer*innen-, Peer- und Fachkräfteperspektive soll den tatsächlichen Mehrwert sichtbar machen.

Am 21. September 2026 luden Peer-Supporter der Hoppenbank e.V. Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe zum Fachtag Peer-Support und Praxis in Bremen ein. In drei Vorträgen und einem abschließenden Podium mit Fragerunde wurden die Voraussetzungen, Potenziale und Strukturen von Peer-Support in der Hilfelandschaft vorgestellt und diskutiert.  

Der Kriminologe Prof. Julian Knop brachte im ersten Input seine wissenschaftliche Perspektive ein. Dabei berichtete er von seinen Erfahrungen und ersten Begegnungen mit der Peer-Arbeit vor ca. zehn Jahren in New York. Besonders eindrücklich war für ihn die Begegnung zwischen einem jugendlichen Inhaftierten und einem Peer, der hinzugezogen wurde, weil dieser kaum Bereitschaft zeigte, sich auf das Hilfesystem der Justizvollzugsanstalt einzulassen. Die Erfahrung des Peers erwies sich als wertvolle Ressource, um neue Zugänge zu ermöglichen und Veränderungsprozesse anzustoßen. Im Mittelpunkt steht dabei die Expertise aus gelebter Erfahrung: Die Glaubwürdigkeit eines Peers entsteht auch daraus, dass er selbst Veränderungen erlebt und gestaltet hat. So formulierte es ein Peer treffend: "Wenn sie mich sehen, sehen sie sich selber." Die im Rahmen seines Projekts tätigen Peers brachten die Zusammenarbeit von Peer-Supporter*innen und Sozialarbeitenden auf den Punkt: "Jeder respektiert, was der andere kann" und "Wir profitieren voneinander".

Diese Aussagen wurden durch den Input zweier Peer-Supporter der Hoppenbank weiter untermauert. Sie selbst und neun weitere Peer-Supporter*innen sind Teil eines multiprofessionellen Teams in diversen Projekten der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe der Hoppenbank e.V. Sie erleben die Zusammenarbeit zwischen Fachkraft und Peer als beste Rüstung für eine gute Unterstützung.  

Herr Ermin Delic reiste aus Wien an, um als Peer-Supporter des neunerhaus, welches obdach- und wohnungslose, sowie armutsbetroffene Menschen unterstützt, Einblicke in die Herangehensweise und Umsetzung der Peer-Arbeit in Wien zu geben. Mit einem beeindruckenden persönlichen Exkurs nahm er das Publikum mit auf seine eigene Reise zum Peer-Supporter und stellte dabei das im Zuge seiner Ausbildung entstandene Abschlusssvideo vor.

Die Ausbildung zum Peer erstreckt sich über acht vergütete Monate. Ein Bestandteil der Auswahl und Qualifizierung basiert auf der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte: Es geht darum, eine professionelle Balance zwischen Nähe und Distanz zu den eigenen Erfahrungen zu entwickeln, um andere Menschen auf ihrem Weg begleiten zu können. In seiner Tätigkeit im neunerhaus nutzt Delic seine eigene Geschichte als Werkzeug. Seine Haltung zur Peer-Arbeit brachte er mit einem eindrücklichen Gedanken zum Ausdruck: "Auf Augenhöhe zu arbeiten heißt für mich nicht, meine Welt anderen zu erklären, sondern zu verstehen, wie Welten aussehen können. Es geht nicht darum, Probleme für andere zu lösen, sondern darum, da zu sein."

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden sich die Befragten Prof. Julian Knop, Ermin Delic, Hartmut Kahle (Hoppenbank e.V.), Kim Köhler-Meyer (Sozialressort Bremen) und Herr Utschakowski (EX-IN) darüber einig, dass Peer-Mitarbeitende, um ihre Rolle langfristig gut ausfüllen zu können, klare Aufgabenprofile, Qualifizierung, Supervision, faire Bezahlung und sichere Beschäftigung benötigen. 

Ein Beitrag unseres Mitgliedsvereins Hoppenbank e.V.

Hier finden Sie zudem Informationen zu einer aktuellen Publikation von Prof. Julian Knop, Prof. Dr. Christian Ghanem, Jana Sophie Lanio und Prof. Dr. Franz Zahradnik mit dem Titel "Peer Mentoring in der Straffälligenhilfe – Über die Entwicklung von Desistance-Kapital unter prekären Bedingungen".