Ein besonderer Schwerpunkt der Fortbildung liegt auf der Stärkung der Handlungssicherheit im beruflichen Alltag.

Svenja Böning, Geschäftsführerin unseres Mitgliedsvereins Hoppenbank e.V., berichtet vom Festakt in Bremen anlässlich des Tags der Deutschen Einheit:
Vom 1. bis 4. Oktober 2026 durfte ich als eine von acht Bremer Bürger*innen Teil der Bremer Bürgerdelegation anlässlich des Tags der Deutschen Einheit sein. Für mich war diese Einladung eine besondere Anerkennung meines Engagements in der Straffälligenhilfe und beim Paritätischen Bremen und zugleich eine Gelegenheit, die Perspektiven sozialer Arbeit in einen ungewöhnlichen politischen und gesellschaftlichen Rahmen einzubringen.
Das diesjährige Motto „Viele Stärken - ein Land“ hat dabei sehr gut zu den Erfahrungen dieser vier Tage gepasst. Die Bremer Delegation war vielfältig zusammengesetzt: Neben der Straffälligen- und Wohnungslosenhilfe waren unter anderem der Bremer Rat und der Kinderschutzbund vertreten. Im Laufe des Programms kamen zahlreiche Begegnungen mit Bürgerdelegierten aus den anderen Bundesländern hinzu. Gleichzeitig gab es Einblicke in politische Institutionen und Gespräche mit Vertreter*innen der Bremer und Bundespolitik – unter anderem mit Bürgermeister Andreas Bovenschulte, dem Bundeskanzler, dem Bundespräsidenten und dem Bremer Finanzsenator.
Neben dem umfangreichen Fest- und Kulturprogramm boten insbesondere die Gespräche Raum für Themen, die uns in der sozialen Arbeit täglich beschäftigen.
Wohnungslosigkeit und die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung
Ein Schwerpunkt war die Frage, wie das Ziel, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden, tatsächlich erreicht werden kann. Die Diskussion darüber macht deutlich, dass Wohnungslosigkeit nicht allein als individuelles Problem verstanden werden darf. Sie entsteht im Zusammenspiel unterschiedlicher sozialer, struktureller und persönlicher Faktoren – und entsprechend braucht es auch Antworten, die über einzelne Hilfsangebote hinausgehen.
Besonders eindrücklich war für mich ein Moment im Gottesdienst: Eine Mitarbeiterin der Hoppenbank, die selbst einmal obdachlos war, konnte dort ihre persönliche Geschichte erzählen. Ihre zentrale Botschaft war, dass wir genauer hinsehen müssen. Wohnungslosigkeit kann Menschen treffen, die heute noch selbstverständlich in ihrer Wohnung leben, arbeiten und ihren Alltag bewältigen.
Gerade die Perspektive von Menschen mit eigener Erfahrung ist deshalb für die soziale Arbeit von großer Bedeutung.
Erfahrung als Ressource: Peer-Arbeit
Damit verbunden war für mich das Thema Peer-Arbeit. Menschen mit eigener Krisen-, Haft- oder Wohnungslosigkeitserfahrung sind nicht ausschließlich Adressat*innen sozialer Hilfen. Sie verfügen über Wissen, das Fachlichkeit und professionelle Angebote sinnvoll ergänzen kann.
Die Perspektive der „Expert*innen in eigener Sache“ verändert dabei auch unseren Blick auf soziale Arbeit: Weg von einer ausschließlich defizitorientierten Betrachtung hin zu einem Verständnis, das Erfahrungen, Kompetenzen und Ressourcen ernst nimmt.
Für die Straffälligenhilfe sehe ich darin ein großes Potenzial. Wer selbst erlebt hat, was Haft, Ausgrenzung, Wohnungslosigkeit oder der schwierige Weg zurück in die Gesellschaft bedeuten, kann andere Menschen auf eine Weise erreichen, die professionelle Hilfesysteme allein manchmal nicht leisten können.
Kinder von Inhaftierten nicht vergessen
Ein zweiter Schwerpunkt der Gespräche während des Empfangs waren die Kinder von Inhaftierten. Auch dieses Thema zeigt, wie wichtig es ist, den Blick über die unmittelbar betroffene Person hinaus zu richten.
Eine Inhaftierung betrifft nicht nur den Menschen, der eine Freiheitsstrafe verbüßt. Sie kann auch für Kinder mit erheblichen Belastungen verbunden sein – emotional, sozial und teilweise auch materiell. Gleichzeitig werden diese Kinder häufig nicht als eigenständige Betroffene wahrgenommen.
Dass das ZDF unsere Arbeit bei Hoppenbank e.V. und diesen Themenschwerpunkt begleitet hat, hat dazu beigetragen, diese Perspektive sichtbar zu machen.
Ehrenamt: Stärke und Auftrag zugleich
Das Motto „Viele Stärken - ein Land“ lässt sich auch auf das Ehrenamt übertragen. In diesen Tagen wurde sehr deutlich, wie viele Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ihre Erfahrungen einzubringen und sich für andere einzusetzen.
Diese Bereitschaft ist eine enorme gesellschaftliche Ressource.
Gleichzeitig sollten wir kritisch bleiben: Ehrenamt darf nicht zum Ersatz für professionelle soziale Arbeit oder für Leistungen werden, die staatlich und strukturell abgesichert werden müssen. Es kann ergänzen, bereichern und neue Möglichkeiten eröffnen. Es darf aber nicht dauerhaft Lücken schließen, die eigentlich durch verlässliche Strukturen geschlossen werden müssten.
Gerade aus Sicht der sozialen Arbeit ist diese Unterscheidung wichtig. Eine Gesellschaft kann stolz auf ihr ehrenamtliches Engagement sein und gleichzeitig dafür sorgen, dass soziale Infrastruktur nicht von der Verfügbarkeit freiwilliger Helfer*innen abhängig wird.
Viele Stärken – und die Verantwortung, sie zu nutzen
Was bleibt nach diesen vier Tagen?
Vor allem die Erkenntnis, dass unser Land über unglaublich viele Ressourcen verfügt: Menschen mit eigener Erfahrung, Ehrenamtliche, Fachkräfte, soziale Organisationen, Initiativen und politische Verantwortungsträger*innen. Jede dieser Perspektiven ist wichtig.
Aber Ressourcen allein reichen nicht. Es braucht Strukturen, die diese Stärken ermöglichen und miteinander verbinden. Es braucht politische Entscheidungen, verlässliche Finanzierung und den Mut, auch dort hinzusehen, wo gesellschaftliche Probleme unbequem werden.
Für mich war die Bürgerdelegation deshalb weit mehr als ein besonderes Rahmenprogramm rund um den Tag der Deutschen Einheit. Sie war eine Gelegenheit, soziale Arbeit, Straffälligenhilfe und die Perspektiven von Menschen mit eigener Erfahrung in einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des Mottos:
Viele Stärken - ein Land – wenn wir bereit sind, diese vielen Stärken zu sehen, ihnen Raum zu geben und zugleich die Verantwortung nicht auf diejenigen abzuwälzen, die sich freiwillig engagieren.
Mein Dank gilt der Senatskanzlei Bremen und allen Beteiligten für die Organisation und Begleitung dieser besonderen Tage sowie den vielen Delegierten aus Bremen und den anderen Bundesländern für die offenen Gespräche, unterschiedlichen Perspektiven und inspirierenden Begegnungen.
Ich nehme aus diesen vier Tagen nicht nur besondere Erinnerungen mit, sondern vor allem viele Fragen und Impulse für die weitere Arbeit in der Straffälligenhilfe und darüber hinaus.