
Weltweit sind Tendenzen zur Punitivität in der Strafrechtspolitik zu beobachten. Obwohl die öffentliche Meinung als einer der entscheidenden Faktoren für gerichtliche Entscheidungen und die Gestaltung der Strafrechtspolitik angesehen wird, ist der Kenntnisstand innerhalb der Gesellschaft über den tatsächlichen Haftalltag sehr begrenzt. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Gefängnisse der Öffentlichkeit naturgemäß grundsätzlich verschlossen bleiben und das öffentliche Bild maßgeblich durch mediale sowie fiktionale Darstellungen geprägt wird. Eine Studie aus der Schweiz sollte überprüfen, ob sich an der Haltung der Bürger:innen gegenüber der Strafrechtspolitik etwas ändere, wenn diese selbst Hafterfahrungen machen würden.
Das Justiz- und Polizeidepartement des Kantons Zürich in der Schweiz organisierte im März 2022 einen viertägigen Testlauf für ein neu erbautes Gefängnis, um dessen Betriebs- und Sicherheitsabläufe unter realistischen Bedingungen zu testen. Freiwillige Teilnehmende konnten bis zu zwei Tage Haft erleben, indem sie Standardverfahren durchliefen, die den Ablauf für Häftlinge von der Aufnahme bis zur Entlassung genau widerspiegelten. Dies umfasste auch Leibesvisitationen, die Beschlagnahmung aller persönlichen Gegenstände und einem streng geregelten Tagesablauf. Die Teilnehmenden waren den größten Teil des Tages in ihren Gefängniszellen eingeschlossen und durften diese nur für eine 10-minütige Dusche und einen 90-minütigen Spaziergang im Hof verlassen. Insgesamt bot diese einzigartige Konstellation den Teilnehmer:innen eine Erfahrung, die einer realen Inhaftierung so nahe wie möglich kam.
Das Ergebnis des randomisierten Feldversuchs war, dass die Personen, die an der Studie teilnahmen, ihre Einstellungen gegenüber Strafmaßnahmen änderten. Sie unterstützen eine strenge Strafrechtspolitik weniger und spendeten mehr Geld an Organisationen, die sich für eine moderatere Strafrechtspolitik einsetzten. Die Erfahrungen änderten jedoch nichts daran, dass die Teilnehmenden das Wohlbefinden von Inhaftierten überschätzten. Das deutet darauf hin, dass die beobachteten Veränderungen in den politischen Präferenzen nicht auf eine veränderte Einstellung zur Belastung durch einen Haftaufenthalt zurückzuführen sind, sondern durch die persönliche Erfahrung.
Den vollständigen Bericht zur Studie finden Sie hier.