
Die Inhaftierung eines Elternteils bedeutet für Familien – insbesondere für Kinder – einen gravierenden biografischen Einschnitt. Neben der räumlichen Trennung wirken Stigmatisierung, Loyalitätskonflikte und emotionale Verunsicherung häufig langfristig fort. Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder inhaftierter Eltern ein erhöhtes Risiko für psychische Belastungen und soziale Benachteiligungen aufweisen (vgl. Heinecke Thulstrup & Eklund Karlsson 2017; Robertson 2007). Vor diesem Hintergrund gewinnen familienorientierte Maßnahmen im Strafvollzug zunehmend an Bedeutung. Sie stärken soziale Bindungen, fördern elterliche Verantwortungsübernahme und gelten als Schutzfaktor im Hinblick auf Rückfallprävention.
Ein innovativer Ansatz ist das Projekt „Game with Mum and Dad“. Entwickelt wurde es im europäischen Netzwerk COPE – Children of Prisoners Europe und initiiert durch den italienischen Verein BambiniSenzaSbarre. Die europaweite Umsetzung wird unter anderem von der UEFA Foundation for Children unterstützt. In Bremen wird das Projekt seit 2024 durch Hoppenbank e.V. in Kooperation mit der Justizvollzugsanstalt Bremen realisiert.
Konzept und Rahmenbedingungen
Kern des Projekts ist ein mehrstündiger Spielenachmittag innerhalb der Justizvollzugsanstalt. Ziel ist es, einen Raum zu schaffen, der sich deutlich vom regulären Besuchssetting unterscheidet. Während herkömmliche Besuche häufig durch Zeitbegrenzung, räumliche Enge und sichtbare Sicherheitsstrukturen geprägt sind, ermöglicht „Game with Mum and Dad“ eine Begegnung in weitgehend normalisierter Atmosphäre.
In einer Sporthalle werden Bewegungs-, Kreativ- und Ruhezonen eingerichtet. Kinder und Eltern können gemeinsam spielen, basteln, lesen oder sportlich aktiv sein; ergänzt wird das Angebot durch einen kleinen Verpflegungsbereich. Die offene Struktur erlaubt es den Familien, den Nachmittag eigenständig zu gestalten und ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend zu nutzen.
Die Teilnahmebedingungen sind bewusst niedrigschwellig formuliert. Es bestehen keine Anforderungen an Therapiebereitschaft oder besondere Vollzugsleistungen. Ausschlusskriterien beschränken sich auf familienrechtliche Vorgaben oder gewichtige Sicherheitsaspekte seitens der JVA. Damit wird die familiäre Beziehung nicht als Privileg, sondern als zentrale Ressource im Resozialisierungsprozess verstanden.
Ein wesentliches Merkmal ist das pädagogische Begleitkonzept. Pädagogische Fachkräfte moderieren bei Bedarf Interaktionen, unterstützen bei Unsicherheiten und stellen sicher, dass das Kindeswohl im Mittelpunkt steht. Zugleich wird die Sicherheitspräsenz bewusst zurückhaltend gestaltet; Bedienstete agieren dezent im Hintergrund – hauptsächlich ohne Uniform, in Bremen wird dies durch die Sportbeamten umgesetzt. Dieses Setting trägt dazu bei, dass Kinder ihre Väter primär in ihrer Elternrolle erleben.
Projektumsetzung und Evaluation 2025
Im Jahr 2025 wurden sechs Veranstaltungen durchgeführt – fünf in Bremen, eine in Bremerhaven. Insgesamt nahmen 26 inhaftierte Väter und 43 Kinder im Alter von unter zwei bis 15 Jahren teil; der Schwerpunkt lag bei jüngeren Kindern zwischen zwei und sechs Jahren.
Zur Evaluation wurden 25 Väter, 20 Bezugspersonen sowie 20 Kinder ab vier Jahren befragt. Die Rücklaufquote ist als hoch einzuschätzen und erlaubt eine belastbare Einschätzung der Projektwirkung.
Nahezu alle befragten Väter bewerteten die Veranstaltung als positiv; 24 von 25 gaben an, dass ihnen der Nachmittag Freude bereitet und die gemeinsame Zeit der Familie sehr gutgetan habe. Besonders hervorgehoben wurden die Dauer von etwa vier Stunden, die Möglichkeit, „in Ruhe“ zu spielen, sowie die reduzierte Beobachtungssituation im Vergleich zum regulären Besuch. Mehrfach wurde der Wunsch nach häufigerer Durchführung geäußert. Kritisch angemerkt wurden vereinzelt organisatorische Aspekte, insbesondere eine kurzfristige Information zum Termin der Angehörigen durch die JVA.
Auch die kindliche Evaluation fällt eindeutig positiv aus. Sämtliche befragten Kinder gaben an, eine schöne Zeit erlebt zu haben und sich wohlgefühlt zu haben. Besonders häufig genannt wurden die „Zeit mit Papa“, sportliche Aktivitäten wie Fußball sowie das freie Bewegen in der Halle. Der am häufigsten formulierter Wunsch lautete „mehr Zeit mit Papa“ – ein Hinweis auf die hohe emotionale Bedeutung der gemeinsamen Stunden.
Fachliche Einordnung
Die Ergebnisse bestätigen zentrale Annahmen der Resozialisierungsforschung: Stabile soziale Bindungen gelten als einer der wichtigsten protektiven Faktoren im Hinblick auf die Legal Bewährung. Durch die Ermöglichung positiver, alltagsnaher Beziehungserfahrungen stärkt „Game with Mum and Dad“ die elterliche Identität in Haft und unterstützt Verantwortungsübernahme. Zugleich profitieren Kinder von verlässlichen und emotional positiven Kontaktmomenten, die stabilisierend wirken können. Auch die Begleitpersonen, hauptsächlich die Mütter, profitieren von dem Projekt. So können sie für ein paar Stunden die Sorgeverantwortung an die Väter abgeben und sich ohne Angst vor Stigmatisierung austauschen.
Das Projekt an sich ist niederschwellig und praxisnah konzipiert - gerade diese Alltagsorientierung scheint ein zentraler Erfolgsfaktor zu sein: Die hohe Zufriedenheit aller Beteiligten sowie der Wunsch nach Wiederholung sprechen für sich.
Fazit
„Game with Mum and Dad“ verdeutlicht, wie familienorientierter Strafvollzug konkret ausgestaltet werden kann. Durch einen geschützten Rahmen, pädagogische Begleitung und eine zurückhaltende Sicherheitspräsenz entsteht ein Raum, in dem Beziehung, Nähe und Normalität möglich werden.
Die Evaluation 2025 belegt eine hohe Akzeptanz und Zufriedenheit bei Vätern, Bezugspersonen und Kindern. Das Projekt stärkt Eltern-Kind-Bindungen, unterstützt Resozialisierungsprozesse und leistet damit einen Beitrag, der über die individuelle Ebene hinaus gesellschaftliche Relevanz besitzt. Familienorientierte Konzepte dieser Art sind daher nicht als Zusatzangebot, sondern als integraler Bestandteil moderner Vollzugsgestaltung zu verstehen. Damit die familiäre Beziehung nicht als Privileg, sondern als zentraler Aspekt im Resozialisierungsprozess verstanden werden kann.
Kontaktmöglichkeit für weitere Informationen oder Umsetzungsanfragen: Rita Metzner (Projektkoordination) Metzner@hoppenbank-ev.de und Denise Tietjen (Sozialarbeiterin) Tietjen@hoppenbank-ev.de.